Mode will in ihrer Gegenwart erkannt werden. Ein Schnitt, eine Farbe oder ein Material sagt: Das trägt man jetzt. Eine Uhr tut zunächst etwas anderes. Sie soll Stunden anzeigen, möglichst heute ebenso zuverlässig wie morgen. Trotzdem waren Uhren nie nur neutrale Messgeräte. Man trägt oder zeigt sie, und damit werden sie Teil der Kleidung, des Auftretens und des sozialen Bildes.

Die abgebildete Uhr mit Chatelaine aus der Sammlung des Metropolitan Museum of Art entstand um 1875 bis 1878. Gold, Platin, Email und Diamanten machen aus dem Zeitmesser ein Schmuckstück. Die Uhr sollte nicht unauffällig verschwinden. Sie gehörte sichtbar zur Erscheinung ihrer Trägerin.

Jede Uhr trägt den Geschmack ihrer Zeit

Gehäuseformen, Zifferblätter, Zeiger und Armbänder verändern sich. Manche Jahrzehnte bevorzugen kleine, zurückhaltende Uhren, andere große Gehäuse oder technische Zifferblätter. Selbst ein Entwurf, der „zeitlos“ genannt wird, stammt aus einer bestimmten Vorstellung davon, was als klar, elegant oder modern gilt.

Das macht Mode nicht oberflächlich. Gestaltung hilft uns, Dinge einzuordnen und uns mit ihnen auszudrücken. Problematisch wird Mode erst, wenn ein Gegenstand seinen Wert verliert, nur weil ein anderer Stil aktuell geworden ist.

Aus unmodern kann charakteristisch werden

Eine alte Uhr muss nicht aussehen, als wäre sie eben gekauft worden. Kratzer, eine gealterte Oberfläche oder ein Entwurf, den heute niemand mehr wählen würde, können zu ihrer Identität gehören. Was zunächst überholt wirkt, kann später genau das sein, was den Gegenstand unverwechselbar macht.

Hier unterscheidet sich eine reparierbare Uhr von kurzlebiger Mode. Sie kann neu kombiniert, weitergegeben und wiederentdeckt werden. Ein anderes Band verändert ihren Auftritt, eine Revision ihre Zuverlässigkeit. Das Werk selbst muss dafür nicht verschwinden.

Nicht zeitlos, sondern zeitreicher

Vielleicht ist „zeitlos“ deshalb gar nicht das schönste Lob für eine Uhr. Zeitlos klingt, als hätte die Zeit keine Spuren hinterlassen. Interessanter ist ein Gegenstand, an dem mehrere Zeiten zusammenkommen: die Epoche seines Entwurfs, die Jahre seines Gebrauchs und die Gegenwart, in der jemand ihn wieder trägt.

Mode fragt: Was passt jetzt? Eine alte Uhr ergänzt eine zweite Frage: Was darf bleiben? Beides widerspricht sich nicht. Persönlicher Stil beginnt vielleicht dort, wo man auswählen kann, ohne alles Vorherige aussortieren zu müssen.