Ein Tag scheint die einfachste Einheit der Welt zu sein: Die Erde dreht sich einmal, dann beginnt der nächste. Für einen Kalender genügt diese Vorstellung. Für eine präzise Uhr nicht. Nach Angaben des U.S. Naval Observatory dauert eine volle Erdrotation manchmal einige Millisekunden mehr oder weniger als 86.400 Sekunden.
Wie misst man eine unregelmäßige Drehung?
Die Zeitskala UT1 beschreibt den beobachteten Drehwinkel der Erde. Dafür richtet die Very Long Baseline Interferometry Radioteleskope gleichzeitig auf weit entfernte Quasare. Aus diesen Beobachtungen wird täglich bestimmt, wie die Erde gegenüber einem nahezu festen Himmelsbezug steht.
Die Abweichungen sind kein Fehler eines einzelnen Messgeräts. Gezeiten und der Austausch von Drehimpuls mit der Atmosphäre verändern die Rotationsrate. Über längere Zeit wirkt zusätzlich die Gezeitenreibung bremsend. Die Erde ist ein bewegliches System aus festem Körper, Wasser und Luft, keine starre Unruh.
Die SI-Sekunde wird nicht mehr aus dem mittleren Sonnentag abgeleitet. Das Internationale Büro für Maß und Gewicht definiert sie über genau 9.192.631.770 Perioden einer bestimmten Strahlung des Cäsium-133-Atoms. Atomuhren realisieren daraus eine gleichmäßige Zeitskala, die nicht mit jedem Wind- oder Gezeiteneffekt ihren Takt ändert.
Unsere bürgerliche Zeit UTC verbindet beide Welten. Sie läuft mit derselben Rate wie die Internationale Atomzeit TAI, unterscheidet sich von ihr aber um eine ganze Zahl von Sekunden. Schaltsekunden sollen verhindern, dass sich UTC und UT1 um 0,9 Sekunden oder mehr voneinander entfernen. So bleibt zwölf Uhr ungefähr mit dem Stand der Erde zur Sonne verbunden, während jede Sekunde atomar gleichmäßig bleibt.
Kommt 2026 eine Schaltsekunde?
Nein. Das aktuelle IERS Bulletin C 72 vom 6. Juli 2026 legt fest, dass Ende Dezember 2026 keine Schaltsekunde eingefügt wird. Der Abstand zwischen TAI und UTC bleibt bis auf Weiteres bei 37 Sekunden. Diese Zahl sagt nicht, dass die Erde nun regelmäßig läuft. Sie zeigt, dass die beobachtete Differenz derzeit keinen neuen Zeitsprung verlangt.
Schaltsekunden sind für digitale Infrastrukturen schwierig, weil eine Minute plötzlich 61 Sekunden haben kann. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht beschloss 2022 deshalb, den zulässigen Abstand zwischen UT1 und UTC spätestens 2035 zu vergrößern. Die genaue Umsetzung wird international weiter vorbereitet.
Die Erde bleibt damit unser astronomischer Bezug, aber nicht unser präzisester Taktgeber. Moderne Zeit entsteht gerade dadurch, dass wir ihre Drehung beobachten, ohne ihr jede einzelne Sekunde anzuvertrauen.
Quellen
U.S. Naval Observatory, UT1-UTC (VLBI) und The IAU Resolutions on Astronomical Reference Systems, Time Scales, and Earth Rotation Models
Bureau International des Poids et Mesures, SI base unit: second
International Earth Rotation and Reference Systems Service, Bulletin C 72 (6. Juli 2026)
Generalkonferenz für Maß und Gewicht, Resolution 4: On the use and future development of UTC (2022)

